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NOVEMBER 2025

Die Geschichte, Die Geheimnisse eines Experten des Shiva-Tantrismus aus Kaschmir

Dussault Andrée-Marie, Interview mit Daniel Odier, erschienen in « Il corriere del Ticino ».

„Es gibt zwei Arten zu sterben. Sterben, wo wir doch bereits gestorben sind – das ist bei den meisten der Fall – oder sterben und vollkommen lebendig zu sein. In dem Prozess, der darin besteht, immer lebendiger zu werden, spielt das Alter keine Rolle mehr. Wir müssen von der Vorstellung Abschied nehmen, dass es eine tragische Angelegenheit ist, zu altern. Ich fühle mich lebendiger als mit 20, 40 oder 50 Jahren.“ Das versichert der 80-jährige Daniel Odier, ein berühmter Meister des shivaitischen Tantrismus aus Kaschmir, Autor von zahlreichen Büchern und Lehrer von internationalem Ruf.

Wir sind in Turin, in einem grossen hellen Saal, in dem normalerweise Tanzkurse stattfinden, um an einem seiner Seminare über den Tod teilzunehmen. Der Genfer Chanmeister, ungefähr 1,85 gross, aufrecht wie eine Eins, trägt ein dunkelblaues Satinhemd, einen Schal, eine rote Brille, einen Rubin am linken Ohrläppchen und sitzt auf einem Stuhl, vor sich etwa 60 Schüler im Schneidersitz auf dem Boden, Frauen und Männer aller Altersklassen. 

„Das Ziel des Lebens ist, vollkommen lebendig zu werden, egal, ob es ein Leben nach dem Tod gibt oder nicht“, fährt er fort. „Wenn wir vollkommen lebendig sind, ist es schwierig, uns zu manipulieren“, sagt er, wenn wir hingegen leiden, ist es leicht. Heute sind wir lebendig, doch können wir noch unendlich lebendiger werden. Die Tantriker streben danach, so lebendig wie möglich zu werden. Die Absicht ist, fortwährend zu staunen.“

Er gesteht, dass seine einzige Praxis im Leben darin besteht, in Entzücken zu geraten. „Es vergehen kein fünf Minuten, ohne dass mich etwas entzückt.

Die Wirklichkeit leidenschaftlich zu verehren, und dem Körper mehr als dem Kopf zu vertrauen, ist die Idee. Dem Körper die Erlaubnis geben, zu leben. Ja zu ihm sagen.“ Er weist darauf hin, dass die meisten Religionen den Körper verneinen und verteufeln. ‘Ich wurde protestantisch, sprich, calvinistisch erzogen. Calvin war der Ayatollah der Protestanten! Da gab es immer die Vorstellung von Schuldgefühl.“ Er beobachtet, dass der Körper dermassen entwertet worden ist, dass die Menschen eine sehr schlechte Meinung von ihrem Körper haben. „Im Gegenteil, er ist genial, er will nichts als das: mit der Gesamtheit eins sein. Das Gehirn braucht lang, um Entscheidungen zu fällen, es muss alle Möglichkeiten analysieren und evaluieren. Der Körper aber ist einfach: während das Gehirn nachdenkt, spürt er unmittelbar, ob ja oder nein.“ Als Daniel Odier 1975 in Kaschmir, im Norden des indischen Subkontinents, die Yogini Lalita traf, die seine Meisterin wurde, hatte diese ihm sofort erklärt, dass wir nicht hier sind, um zu leiden, sondern, um auf unseren Körper zu hören und zu akzeptieren, dass er unendliche Möglichkeiten hat.

Nach einem Kunststudium in Rom und an der Hochschule in Paris reiste der Genfer 1968 nach Indien, wo er bei grossen Meistern den tibetischen Buddhismus und Chan, den chinesischen Zen-Buddhismus, studierte. Nach einigen Jahren wurde er Schüler von Lalita Devi, die ihm das kaschmirische Mahamudra übertrug, eine tiefe und umwandelnde Praxis, die darauf abzielt, „die Wahrheit der Nicht-Dualität sowie die göttliche Natur des Universums zu offenbaren.“

Bei Lalita hat er eine totale Revolution erlebt. Sie hat ihn das Vertrauen in den eigenen Körper gelehrt; vor allem jedoch hatte sie ihm gesagt, dass Gott sich nicht in seinem Äusseren, sondern seinem Inneren befände. Die Angst hatte uns dazu gedrängt, Götter im Aussen zu erfinden. Bei Lalita hatte der junge Daniel verstanden, dass Tantra ein mystischer Weg zur vollkommenen Vereinigung mit dem Göttlichen ist.“ Es ist ein nicht dualistischer Weg, das Göttliche ist von uns nicht getrennt.“ Der Dreizack Shivas, des hinduistischen Gottes der Zerstörung und der Verwandlung steht als Symbol dafür, dass wir Tempel, Gottheit und Verehrer zugleich sind. Lalita hat ihm erklärt, dass die Götter zwar nicht existieren, dennoch müssen wir sie ehren, „ein ganz und gar tantrisches Paradox.“ – denn die Verehrung lässt wunderbare Eigenschaften in uns aufkommen. „Wir verehren sie in unserem Herzen, aber nicht als etwas Äusserliches.“  Die Herausforderung – „die Tantriker lieben Herausforderungen und Schwierigkeiten“ – besteht darin, einen anderen Menschen mit derselben Intensität zu verehren, wie wir eine Gottheit verehren, nämlich mit einer bedingungslosen Liebe.

Was gibt Daniel seinen Schülern weiter? „Die Freiheit, die Fähigkeit, angesichts der Schönheit der Dinge zu staunen, indem man Mikropraktiken macht.“ Manchmal dauern sie nur 30 oder 50 Sekunden. Sogar eine kurze, häufig wiederholte Dauer genügt, um den Seinszustand zu verändern. „Das Ziel ist, präsent zu sein, damit das Nervensystem sich daran gewöhnt. Präsent zu sein verschafft dem Körper Vergnügen, und dann - nach und nach - zieht es den Körper zur Präsenz, zum Bewusstsein und dazu, immer länger dort zu verweilen. Unser Yoga besteht darin, Liebe mit dem unbegrenzten Raum zu machen.“

Während der Wochenendes werden wir mehrmals Tandava, den heiligen Shivatanz praktizieren. „Es ist eine ständige Improvisation. Es geht darum, sich wie die Rauchkringel eines Räucherstäbchens zu bewegen.“ Wir machen auch Visualisierungen, die uns ermöglichen, die philosophischen Prinzipien durch den Körper zu erfahren.“ Diese zu lesen, kann abstrakt und mysteriös scheinen. Mit der Visualisierungspraxis werden sie jedoch zu einer physischen Erfahrung.“

Daniel weist darauf hin, dass im Tantra alle philosophischen Prinzipien durch den Körper gelebt werden. Er lehrt ebenfalls den Yoga der Emotionen. Er erklärt, dass wir dank Tandava und den Visualisierungen uns nach und nach daran gewöhnen, in unserem Körper zu sein. Danach assoziieren wir die Emotionen mit körperlichen Zuständen und lassen den Körper sich mit ihnen befassen, ohne dass der Geist dazwischenkommt. „Der Körper nimmt die Materie ohne Unterlass auf und scheidet sie wieder aus. Das macht er auch mit den Emotionen, wenn der Geist sich nicht einmischt. Wir gewöhnen uns daran, die Emotionen physisch zu erleben; damit wird das Leben einfacher, das Gehirn kann sich ausruhen und leistungsstark sein, wenn wir es brauchen.“

Lalita hat eine entscheidende Rolle in seinem Leben gespielt, betont Daniel. Sie führte ihn aus Dogmen, Überzeugungen und abstrakten Konzepten heraus. „ Eine schwer fassbare Persönlichkeit, sie war in ihren Vierzigern, doch in bestimmten Momenten war sie wie ein fröhliches, sieben Jahre altes Kind, fünf Minuten später so seriös wie eine achtzigjährige Yogini. Man konnte sie nicht einordnen.“ Er fügt hinzu, dass die Tantriker keine Regeln haben. „Sie lassen sich nicht in Normen einsperren. Bei ihnen beruht alles auf Bewusstsein.“

Er unterstreicht, dass es in der tantrischen Tradition zahlreiche unterweisende Frauen gibt. Während tausenden von Jahren hatten sie nicht das Recht, unterwiesen zu werden, sie konnten keine heiligen Texte lesen.“ Die Tantriker sind gekommen und haben das Gegenteil gesagt. Sie haben sogar behauptet, dass die spirituellen Fähigkeiten der Frauen denen der Männer überlegen sind.“

Es gab also eine riesige Bewegung von Frauen, die es in den Kaschmir gezogen hat, aber auch Künstler, „die damals als Prostituierte galten“, sowie eine ganze Ansammlung von aussergewöhnlichen Personen, die sich vom Tantra verführt gefühlt hatten, von dieser einzigartigen und revolutionären Öffnung. Während 1000 Jahren dauerte dieser Zustrom also an. Daniel besteht auf der Tatsache, dass dem Weiblichen und Männlichen im Tantra die gleiche Bedeutung zukommt.

Am Ende des Seminars sperren die Schüler ihre Ohren weit auf, denn Daniel schickt sich an, uns „eine sehr alte und sehr geheime“ Unterweisung“ der Yoginis mitzugeben, die teilen wir hier. Aufgepasst. Es geht darum, „sich zu entspannen. „Bei Ungerechtigkeit, entspannt euch, im Begehren, entspannt euch, bei Angst, entspannt euch, bei Wut, entspannt euch.“ Schliesslich lautet der Rat des Meisters: „Macht, wozu ihr Lust habt. Wagt euch, folgt eurem Körper und eurem Instinkt. Gebt dem Körper all seine Kraft, seine Möglichkeiten zurück, diese sind unglaublich. Das Leben ist kurz, nur zu, lebt voll und ganz!“