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Daniel Odier




SPANDAKARIKA - LE CHANT TANTRIQUE DU FREMISSEMENT

Von KALLATA ( IX. Jahrhundert )

Übersetzung von Daniel ODIER


1
Die verehrenswürdige Shankari (Shakti), Quelle der Energie, öffnet ihre Augen und das Universum schrumpft zusammen zu reinem Bewusstsein; sie schließt sie und das Universum wird in ihr erschaffen.


2
Das Erschauern, als ureigenster Ort der Erschaffung und der Rückkehr, ist grenzenlos, denn seine Natur hat keine Form.

3
Selbst im Schoße der Dualität taucht der Tantriker bis zur nicht-dualen Quelle, denn die pure Subjektivität bleibt immer eingetaucht in ihre eigene Natur.

4
Alle relativen ans Ego gebundenen Begriffe finden ihre friedvolle Quelle wieder, die zutiefst vergraben ist unter den verschiedenen Seinszuständen.
5
Im absoluten Sinne sind Freude und Leid, Subjekt und Objekt nichts anderes als der Raum des tiefen Bewusstseins.

6/7
Diese fundamentale Wahrheit zu erfassen, bedeutet, die überall seiende absolute Freiheit zu sehen. So hat die Bewegung der Sinne selbst ihren Sitz in dieser fundamentalen Freiheit und ergießt sich aus ihr.


8
Also entrinnt derjenige, der dieses wesentliche Erschaudern des Bewusstseins wiederfindet, der Verfinsterung durch die begrenzte Begierde.

9
Und so, befreit von der Vielfältigkeit der an das Ego gebundenen Impulse, erlebt er die Erfahrung des höchsten Seinszustandes.

10
Er erfasst endlich, dass die fundamentale Qualität eines Tantriker die Freiheit des Seins ist, durch welche das Begehren seine Universalität wiederfindet.

11
Wie könnte dieser entzückte Tantriker, der immer wieder zu seiner eigenen fundamentalen Natur als Quelle jeglicher Schöpfung zurückkommt, der Transmigration unterworfen sein?


12
Sollte die Leere ein Objekt der Kontemplation sein können, wo wäre dann das Bewusstsein, das sie fürchten würde?


13
Betrachte also die Kontemplation der Leere als künstlich und von vergleichbarer Natur mit der einer tiefen Abwesenheit von der Welt.


14/15/16
Der, welcher handelt, und die Aktion selbst sind vereint, aber wenn die Aktion sich durch Vernachlässigen der Früchte der Handlung auflöst, so erschöpft sich die an das Ego gebundene Dynamik selbst, und der Tantriker, zutiefst versunken in dieser Kontemplation, entdeckt das von der Bindung an das Ego befreite Erschaudern. Die tiefe Natur dieser Aktion wird dann sichtbar, und der, welcher die Bewegung der Begierde verinnerlicht hat, wird keine Auflösung mehr erleben. Er kann nicht aufhören zu existieren, denn er ist zur tiefen Quelle zurückgekehrt.
17
Der erwachte Tantriker verwirklicht dieses kontinuierliche Erschaudern durch die drei Seinszustände hindurch.

18
Shiva ist dann in liebender Vereinigung mit Shakti in der Form des Wissens und seines Gegenstandes, während er überall anderswo als reines Bewusstsein erscheint.

19
Die ganze tönende Palette der verschiedenen Arten des Erschauderns findet ihre Quelle im universellen Erschaudern des Bewusstseins und rührt so an das Sein. Wie könnte solch ein Erschaudern den Tantriker begrenzen?

20
Und dennoch veranlasst dieses Erschaudern selbst den Untergang der Menschenwesen mit begrenzter Sicht, denn wenn ihre Intuition von der tiefen Quelle losgelöst ist, werfen sie sich in den Strudel der Transmigration.


21
Wer sich mit Leidenschaft diesem tiefen Erschaudern zuwendet, rührt an seine wahre Natur, selbst dann, wenn er sich mitten in der Aktivität befindet.

22
Das tiefe Erschaudern kann in Extremzuständen erreicht werden: in Zorn, intensiver Freude, mentalem Umherirren oder im Überlebens-Elan. .

23/24
Wenn der Tantriker sich Shiva/Shakti überlässt, steigen Sonne und Mond auf im zentralen Kanal.


25
In dem Augenblick, wenn am Himmel Sonne und Mond entschwinden, bleibt der Erwachte klaren Geistes,
wohingegen der gewöhnliche Mensch in trüber Unbewusstheit verharrt


26/27
Wenn die Mantras mit der Kraft des Erschauderns geladen sind, erfüllen sie ihre Funktion durch die Sinne des Erwachten hindurch. Sie vereinigen sich mit dem Geist des Tantriker, der in die Natur von Shiva/Shakti eindringt.

28/29
In dem sich in Shiva/Shakti erkennendenTantriker,taucht jedes Ding aus der indivuellen Substanz auf; alles, was ihn beglückt, ist Shiva/Shakti. So gibt es keinen Seinszustand, der einen Namen trüge, der nicht Shiva/Shakti wäre.

30
Indem der Tantriker in der Realität, die er als das Spiel seiner eigenen Natur wahrnimmt, immer gegenwärtig ist, wird er im Schoße des Lebens selbst befreit.

31
Durch die Intensität der gegenstandslosen Begierde taucht im Herzen des Tantriker, der eins ist mit dem tiefen Erschaudern, die Kontemplation auf.


32
Dieses bedeutet das Erreichen des kostbarsten Nektars, die Unsterblichkeit des Shamadi, das dem Tantriker seine eigene Natur enthüllt.

33/34
Die glühende Sehnsucht nach Shiva/Shakti, die das Universum erschaffen, bringt dem Tantriker die Erfüllung. Im Verlauf seines Traumes erscheinen Sonne und Mond in seinem Herzen und alle seine Wünsche werden sich verwirklichen.

35
Wenn er jedoch nicht in der Gegenwart lebt, so wird der Tantriker vom Spiel der Schöpfung getäuscht werden und den illusorischen Seinszustand eines Aspiranten durch Schlaf und Wachen hindurch kennen lernen.


36/37
So wie ein Gegenstand, welcher der Aufmerksamkeit entgeht, klarer wahrgenommen wird sobald man die Kraft aufbringt, ihn besser zu umzingeln, so erfährt der Tantriker das höchste Erschaudern, wenn er sich ihm glutvoll öffnet. Auf diese Weise schwingt alles in der Harmonie seiner wahren Natur.


38
Selbst im Zustand äußerster Schwäche wird ein solcher Tantriker zur Verwirklichung kommen. Auch ausgehungert wird er seine Nahrung finden.

39
Mit der Erkenntnis des Herzens als einziger Stütze ist der Tantriker allwissend und lebt mit der Welt in Harmonie.

40
Ist der Körper/Geist von Entmutigung geschlagen, die auf Ignoranz basiert, so kann nur die Ausdehnung des Bewusstseins über alle Grenzen hinaus seine Mattigkeit zerstreuen, deren Quelle dann verschwunden sein wird.

41
Die Offenbarung des Selbst geschieht in demjenigen, der nur noch absolutes Begehren ist. Möge ein jeder diese Erfahrung machen!

42
Währenddessen das Licht, die Töne, die Form und der Geschmack den noch hemmen, der an das Ego gefesselt ist.

43
Wenn der Tantriker jegliches Ding mit seiner absoluten Begierde durchdringt, wozu dienen dann noch Worte?
Er macht ja selbst die Erfahrung.

44
Der Tantriker möge ganz in der Gegenwart bleiben, mit seinen aufmerksam in der Realität ausgebreiteten Sinnen, und er möge Stabilität erfahren.

45
Wer seiner Kraft durch die dunklen Mächte begrenzter Aktivität beraubt ist, wird zum Spielball der Energie der Töne.

46
Ist er im Feld der subtilen Energien und der mentalen Vorstellungen gefangen, verflüchtigt sich die höchste Ambrosia und er vergisst seine angeborene Freiheit.


47
Die Macht des Wortes ist immer bereit, die tiefe Natur des Selbst zu verschleiern, doch keine mentale Vorstellung kann auf die Sprache verzichten.

48
Wenn die Energie des Erschauderns ein gewöhnliches Wesen durchdringt, unterwirft sie es, während diese gleiche Energie den auf dem Wege Befindlichen befreit.


49/50
Der feinstoffliche Körper selbst stellt ein Hindernis dar, das mit der begrenzten Intelligenz und dem Ego zusammenhängt. Der unterworfene Mensch macht Erfahrungen, die auf seiner Gläubigkeit beruhen und auf der Idee, die er von seinem Körper hat; gerade dadurch wird die Bindung dauerhaft.


51
Doch wenn der Tantriker sich im Erschaudern der Realität niederlässt, befreit er das Fließen und den Rücklauf der Schöpfung und erfreut sich so der universellen Freiheit als ein Meister der Rades der Energien.


52
Ich verehre die spontane, vibrierende, wundervolle Rede meiner Meisterin, die mich den Ozean des Zweifels hat durchqueren lassen.

53
Möge dieses Juwel des Wissens alle Wesen dahin führen - so wie Vasagupta sie führte - dass sie die wahre Natur der Realität berühren und im Tiefsten ihres Herzens bewahren.

***


Daniel ODIER - Editions du Relié, 1999.
Trd. R.M.