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Daniel Odier



shivakali




DIE LEHRE DES SHIVAITISCH-KASCHMIRISCHEN TANTRA AUS DER KAULA TRADITION UND DER SPANDA UND PRATYABHIJNASCHULEN


von Daniel Odier
Übersetzung von Elisabeth und Hartmut Kreyer


Tantra, die Ausdehnung

Das Wort "Tantra" leitet sich aus der Wurzel "tan" ab, welches Ausdehnung, Ganzheit bedeutet. Es lässt auch an das Weben eines Stoffes denken. Dieser mystischer Weg hat den Buddhismus und den Hinduismus stark beeinflusst, dabei aber seine eigenen shiva?tischen Merkmale behalten.

Tantra wurde auf verschiedenen Wegen überliefert, von denen einige ihren Ursprung vor 5 bis 6000 Jahren im Indus-Tal hatten. Tantra ist der Weg der Nicht-Dualität, der seinen Höhepunkt zwischen dem siebten und dem dreizehnten Jahrhundert im Königsreich Oddyâna, im benachbarten Kaschmir und, am anderen Ende des Himalaya-Gebirges, in Assam erreichte. Von Oddyâna aus führte im achten Jahrhundert Padmasambhava den Tantrismus im Tibet ein, in der gleichen Zeit, in der sich der Tantrismus durch ganz Indien und Nepal wie auch durch China, Japan und Indonesien ausbreitete.

Meine Lehrerin, die kaschmirische Yogini Lalitâ Devî, gehört zu der Kaula-Schule (dem spontanen Weg, der kosmischen Ganzheit im Körper des Praktizierenden) sowie zu der Pratyabhijñâ-Linie des Tantra, die, in Verbindung mit der Spanda-Überlieferung, den reinsten tantrischen Weg darstellt. Sie bezieht sich unmittelbar auf unser ursprüngliches Wesen. Pratyabhijñâ heißt "spontane Anerkennung" und Spanda "Erschauern, innere Vibration", die entsteht, wenn der Praktizierende sich mit dem Kosmos identifiziert.

Die Ausübung des kaschmirischen Yoga wird im Vijnânabhaïrava Tantra, dem ältesten uns überlieferten Text über das Yoga, beschrieben. Diese Ausübung bedeutet ein spontanes Erkennen unseres göttlichen oder absoluten Wesens, das sich im inneren Erschauern, Vibrieren der Nicht-Dualität manifestiert. Dies ist der Weg, den ich praktiziere und lehre, den man auch Sahajiyâ nennt oder den Weg der spontanen Erweckung.

Die tantrische Suche ist vollständig auf die Vorstellung ausgerichtet, dass dem Geschöpf nichts hinzuzufügen oder wegzunehmen sei, da es die absolute Wesentlichkeit besitzt. Jenseits von Dogmen, Glauben, Religiosität, moralischen Vorschriften handelt es sich hier um eine ausgesprochen laizistische Askese, die vollständig in die Realität des täglichen Lebens integriert ist. Es ist ein weiblicher, sphärischer Weg, der die Ganzheit der Geschöpfe einschließt und vollständig die Kraft der Frau anerkennt. Es ist ein Weg zurück zur ursprünglichen Quelle, zur Urzelle des Wesens, der die Ganzheit einschließt.

Abhinavagupta, der große tantrische Philosoph, der im 5. Jahrhundert in Kaschmir lebte, gibt in einem seiner Gedichte die folgende wunderbare Definition des absoluten Weges:

"Stelle dich gleich außerhalb des geistigen Fortschreitens, außerhalb der Versenkung, außerhalb der kunstvollen Streitgespräche, außerhalb des Forschens, außerhalb der Meditation über die Göttlichkeiten, außerhalb der Konzentration und des Rezitierens von Texten. Sag, welches ist die absolute Wirklichkeit, die keinerlei Zweifel lässt? Höre wohl! Binde dich nicht länger an dies oder jenes, bleib in deiner wahren, absoluten Natur, spiele friedlich mit der Wirklichkeit der Welt."

Der Ansatz von Abhinavagupta und all den anderen tantrischen Lehrern in der Tradition des Kaula ist, bei der Unterrichtung mit dem absoluten Weg oder dem Nicht-Weg (anupâya) zu beginnen, um dann sich mit den drei traditionellen Wegen zu befassen. So kann jeder Praktizierende die Lehre an dem für ihn jeweils höchstmöglichen Punkt erfassen.

- Der Nicht-Weg (anupâya)

"Nachdem er nur ein einziges Mal dem Lehrer zugehört hat, von einer mächtigen Gnade gleichsam durchstoßen, unterscheidet er die absolute Realität durch sich selbst; das Aufgehen in Shiva ist unabhängig von jeglicher Fortentwicklung", sagt Abhinavagupta. Dieses Geschöpf, auf der Stelle befreit, muss keinerlei Übungen mehr vollziehen; alles ist Ausdruck des "Ich bin". - Der göttliche Weg des unmittelbaren Aufgehens in Shiva/Shakti (sâmbhavopâya)

Wenn man nicht gleich in die Absolutheit eindringen kann, so gibt es doch außergewöhnliche Menschen, die von der Gnade einer großen Freiheit berührt worden sind, die sie sehr schnell zum Erkennen von Shiva/Shakti führt. Dies ist der Weg des reinen Verlangens, zugänglich für jenen, dessen Herz offen ist. Dieser Held taucht unmittelbar in das nicht-duale Universum ein und ist nie mehr der Verwirrung ausgesetzt. Dies ist der Weg einer spontanen und endgültigen Erweckung, die von nichts mehr überschattet wird. Der Tantriker befindet sich, ganz lebendig und wach, in einer fortwährenden Einheit. Es gibt für ihn keine Unterscheidung mehr zwischen Subjekt und Objekt. Alles ist nur noch vibrierendes Bewusstsein, aus dem und in das alle Spuren auftauchen und verschwinden, alle geistigen Prägungen, jegliches Trachten nach Unterscheidung zwischen ihm und dem Absoluten. Dies ist das einfache und nackte Wesen der göttlichen Liebe.

Dieser befreite Mensch bleibt ganz gelassen, allen Dingen gegenüber präsent, eingetaucht in das Göttliche.

- Der Weg der Kraft der intuitiven Vernunft (sâktopâya)

Wenn, dank der direkten Einweihung der Göttinnen oder der Unterrichtung des Lehrers und der heiligen Texte, das auf die Dualität ausgerichtete Denken zur Ruhe kommt, dann "merzt der Tantriker den Ruch der Dualität aus", dank seiner intuitiven Vernunft. Dieser Weg liegt jenseits der verschiedenen Yoga und der Übungen, die dem Yogin dazu dienen, die non-verbale Wahrnehmung zu verstärken. Für diesen Praktizierenden ist alles Shiva/Shakti gleich. Alles ist nur Bewusstsein. All die kunstvollen Mittel stehen in Beziehung zum Bekannten, sie können das Bewusstsein nicht entschleiern. "Alle Vorschriften oder Verbote sind weder Wegweiser noch Hindernisse auf dem Weg zur höchsten Realität", sagt Abhinavagupta.

Dieser Yogin gelangt zu der Erkenntnis, dass er nicht an einen karmischen Akt gebunden ist, dass es weder Unreinheit noch Abhängigkeit gibt und dass ihm nichts und niemand das Bewusstsein rauben kann. "Also, erfüllt vom Einssein mit dem Selbst und dem Bewusstsein, dem Körper und der Ganzheit, ist er Gott gleich".

- Der Weg des Einzelnen und des Übens (ânavopâya)

Hier geschieht der Zugang über verschiedene Yoga: Meditation, Visualisierung, Praktiken, wie sie im Vijnânabhaïrava Tantra gelehrt werden. Schritt um Schritt befreit sich der Praktizierende von der Dualität, den innersten Blockaden, die an der Entfaltung des Bewusstseins hindern, von den kreisförmigen Routinen, von Angst und Furcht und von dem Gefühl, ein abgetrenntes Individuum zu sein. Nach und nach dehnt sich das Ich aus, die Gegenwärtigkeit wird fortwährend, das Bewusstsein taucht auf, und die Nicht-Unterscheidung zwischen Tantriker und Universum bereitet den Yogin auf den Weg der intuitiven Vernunft vor.

Diese drei Wege stellen keine Etappen dar, sie führen vielmehr alle zum Bewusstsein. Bei der Unterrichtung vermischen sie sich je nach Notwendigkeit für den jeweiligen Praktizierenden und den jeweiligen Moment. "Nur die Liebe ist göttlich auf diesem Weg ohne Illusion. Kein Yoga, keine Askese kann zu ihm führen."

Um eine sehr vollständige Vorstellung dieser Wege zu erhalten, sei zum Lesen empfohlen:

Abhinavagupta, La lumière sur les tantra, Kapitel 1 bis 5 vom Tantrâloka, übersetzt und herausgegeben von André Padoux und Lilian Silburn, Publications de l'Institut de civilisation indienne, diffusion de Boccard, 11 rue de Médicis, 75006 Paris.



- Drei Wege, drei Arten der Meditation:

Der erste tantrische Meister, den ich 1967 kennenlernte ,war der spirituelle Leiter des Nyingmapa, der große Lehrer des Dzogchen, Dudjom Rimpoché. Er lebte in Kalimpong, und dieses Gebiet konnte wegen der Grenzstreitigkeiten mit China nur für drei Tage besucht werden. Dudjom Rimpoché lehrte mich ganz einfach drei Arten zu meditieren, die dem Tantra des Kaschmir und des Oddyâna entsprechen, wie es Padmasambhava im 8. Jahrhundert im Tibet einführte: Die Nicht-Meditation

"Zieh dich bequem in Ruhe und Stille zurück, setzt dich nieder, mit geradem Rücken, vollkommen entspannt, mit natürlicher Atmung, sanft und ruhig, und versetze deine Aufmerksamkeit in einen Zustand absoluter Gegenwärtigkeit, ohne dass der Geist in den drei Zeiten umherirrt. Dies ist der natürliche Zustand des Geistes, der ganz spontan im Zustand der Nicht-Ablenkung, des Nicht-Hervorbringens, der Nicht-Meditation verweilt." Die Meditation des Herzens

"Wenn du nicht gleich in diesen Zustand eintreten kannst, konzentriere dich auf ein flammend rotes Schriftzeichen im Zentrum des Herzens, in einer Größe, wie sie dir angemessen erscheint. Dieses Zeichen sei lebendig gegenwärtig, ohne Anstrengung. Es nehme deine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch".

Die Konzentration und die Beruhigung

"Wenn diese Meditation schwierig ist, nimm einen einfachen Gegenstand, wie ein Kiesel oder ein Holzstück, lege ihn vor dich, richte deinen Blick auf den Gegenstand ohne zu blinzen, lass nichts anderes deinen Geist beschäftigen und richte dich in der Gegenwart ein, ganz natürlich und entspannt. Betrachte alles, was an Bildern und Ereignisse kommt, ohne es festzuhalten, und allmählich wirst du Frieden erlangen. Alles was auftaucht, befreit sich von allein, ohne deine Anstrengung. Bald wirst du diesen Zustand der Nicht-Wahrnehmung nicht mehr verlassen können, und wirst nicht einmal mehr den Wunsch haben, dich zu bewegen. Das ist das Zeichen, dass du dich mit der Beruhigung vertraut machst und dass du zur Spontaneität gelangst."

Diese Lehre, die mir als einem vollständig Neubekehrten zuteil wurde, war mir außerordentlich wertvoll, und niemals habe ich etwas einfacheres und tiefer gehendes gefunden. Noch heute praktiziere und lehre ich auf diese Art.

Warum im Sitzen?

Meditieren bedeutet, in das tiefste Innere unseres Wesens vorzudringen, das, nicht verdorben durch unsere Kultur, unsere Glaubensätze, unsere Erfahrungen, unsere Sicht des Ich und des Abgetrenntseins, sich diesseits jeglicher Trennung zwischen uns und dem Absoluten befindet. Das bedeutet, in sich den Raum und die Ganzheit zu entdecken, die oberhalb des unterscheidenden Denkens wohnen. Das bedeutet, den "Ruch der Dualität auszumerzen", indem man den natürlichen Zustand des Geistes wiederentdeckt.

Wie praktizieren wir?

Wir leeren unseren Geist von den Bindungen an starre Formen, indem wir dem Körper seinen königlichen Platz zurückgeben. Der Körper erfasst auf ganz natürliche Weise die Non-Dualität, während unser Geist sie nicht einmal wahrnehmen kann. "Der Körper ist gesättigt von all den Wegen, erfüllt von den verschiedenen Ausprägungen der Zeit, er ist der Ort all unserer Bewegungen im Raum. Der Körper trägt in sich alles Göttliche. Wer in den Körper eindringt, erlangt die Befreiung", sagt Abhinavagupta.

Wir erleben den Augenblick in der nicht-mentalen Gegenwärtigkeit, in der nackten Gegenwärtigkeit der Realität gegenüber, die sich der Spontaneität öffnet. Schließlich entsteht eine Freude, die nicht mehr von äußeren Umständen abhängt. Wir erreichen die Freiheit.