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Daniel Odier




Das Herz der Erkenntnis ( Pratyabhijña hrdayam)

von KSEMARAJA, Schüler des Abhinavagupta, X. Jahrhundert.

Ksemaraja, Schüler von Abhinavagupta, war einer der grossen Meister des kaschmirschen Tantrismus des zehnten Jahrhunderts. Als grosser Bewunderer von Utpaladeva, der die Grundsätze der Pratyabhijña -Schule oder der Erkenntnis des Selbst formuliert hatte, arbeitete er ihre Essenz heraus.

In diesem grossartigen Text verband er dieses System mit dem Spanda, oder Schule des Erschauerns, die ihm sehr am Herzen lag. Das ist einer der kürzesten und reichsten Texte des kaschmirschen Tantrismus, auf seine Weise artikuliert auch er die Lehre von Mahachinachara.

  1. Durch seine eigene freie und spontane Bewegung, offenbart das absolute Bewusstsein das Universum, erhält es und nimmt es wieder in sich auf.
  2. Das Bewusstsein hat die Macht, die Wirklichkeit ihrem eigenen Spiegelbild gegenüber zu entfalten.
  3. Die illusorische Vielfältigkeit des Universums erscheint durch das Verhältnis von Subjekt und Objekt.
  4. Der Experimentator, dessen Bewusstsein verzerrt ist, nimmt das Universum in seiner verzerrten Form wahr.
  5. Das absolute Bewusstsein wird zum individuellen Bewusstsein durch eben diese Verzerrung, diese wird durch die Objekte des Bewusstseins hervorgerufen.
  6. Das individuelle Bewusstsein ist das absolute Bewusstsein.
  7. Aber wenn das Bewusstsein dual erscheint, und wenn diese Dualität mit dem Schleier der Illusion verdeckt ist, splittert sich das Bewusstsein erneut auf und nimmt die Form der fünfunddreissig Tattwas an.
  8. So erscheinen alle philosophischen Standpunkte wie vom absoluten Bewusstsein gespielte Rollen.
  9. Wenn das Wissen, das Verlangen, der Raum, die Zeit und die Kraft der Verwirklichung durch das individuelle Bewusstsein begrenzt sind, so ist die Shakti begrenzt.
  10. Aber selbst in seinem verdunkelten Zustand ist das begrenzte Selbst von absoluter Natur.
  11. Das Selbst offenbart, geniesst, wird räumlich, befruchtet und löst alle Hindernisse auf. Das ist die Sicht der Yogini und Yogin.
  12. Von einem Seelenzustand zum anderen zu gehen, bedeutet, in der Illusion der Trennung zu sein und die Sicht der Shidda nicht zu erkennen.
  13. Öffnet man sich diesem Wissen wird das begrenzte Selbst zum absoluten Selbst.
  14. Das Feuer des höchsten Wissens brennt. Es verzehrt jegliches aufgesplitterte Wissen und Objekt.
  15. Diese Macht der Erkenntnis der wirklichen Natur des Universums schließt jegliches Ding mit ein.
  16. Glückseligkeit zu erlangen heißt, zu erkennen, dass das absolute Wissen unsere wahre Natur ist.
  17. Die Herzensmitte zu öffnen, ist die Glückseligkeit des Geistes.
  18. Yoga wird praktiziert durch die Konzentration auf das Herz, durch die Rückkehr der mentalen Gebilde und Wahrnehmungen in den Raum, durch die fortwährende Wahrnehmung der Räumlichkeit, die den Gebilden und Wahrnehmungen zu Grunde liegt; durch das konstante Erschauern der Kundalini, durch das Samadhi in der Wirklichkeit; durch die stetige Rückkehr zum Unausgesprochenen über Atem und Mantras; durch das Fliessen des Atems zwischen den Herzen.
  19. Innerer Erfahrung und Wirklichkeit gehen ineinander auf, so ist das Samadhi endlich dauerhaft verankert.
  20. Dann wird man in das höchste Selbst gegründet, Essenz des Bewusstseins, Autonomie und Glückseligkeit. Die gesamte Wirklichkeit geht vom absoluten Selbst aus und wird von ihm wieder aufgenommen. Shivas Natur ist verwirklicht.

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Vom Autor aus dem Englischen, nach der unedierten Version von Lalita Devi