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Daniel Odier




Der Gesang des Herz-Geist (Hsin-hsin-min)

Niu-t'ou (Büffelkopf) Fa-jung lebte im siebten Jahrhundert. Er ist der tantrischste unter den chinesischen Ch'an-Meistern und vielleicht der grösste Bilderstürmer. Er lebte in einer Grotte, wohin die Vögel ihm Blumen brachten. Tao-hsin, der vierte Patriarch, hörte von diesem aussergewöhnlichen Menschen und beschloss, ihm einen Besuch abzustatten. Das ist eine der grössten Begegnungen des Ch'an. Niu-t'ou scherte sich nicht um Formalitäten. Er sass schweigend in seiner Grotte und erhob sich nicht einmal, um seine Besucher zu grüssen. Er schien nichts zu tun, so nannte man ihn auch "den Faulen", aber Tao-hsin liess sich nicht täuschen. Er übertrug ihm das Siegel der blitzartigen Lehre, die er von Seng-ts'an erhalten hatte. Daraufhin verfasste Niu-t'ou dieses wunderbare Gedicht Der Gesang des Herz-Geist . Im Chinesischen besagt ein einziges Ideogramm gleichzeitig "Herz" und "Geist". Die Übersetzer wählen die eine oder andere Bedeutung. Ich habe sie miteinander vereint.

 

Die Natur des Herz-Geist kommt nirgendwo her

Was nützen Wissen und Ideen?

Ursprünglich nicht eine Wahrheit

Warum also von Praxis reden?

 

Kommen und gehen ohne Ende

Suchen ohne zu finden,

Lieber nichts tun

Sodann scheint Frieden auf.

 

Die Vergangenheit ist leerer Raum

Wissen ist der Verlust des Ursprungs.

Verbreite dein Licht über die Welt

Erwacht und dennoch dunkel.

 

Ist die Dynamik des Ohne-Geist blockiert

Verfehlt man die Wahrheit.

Dinge kommen um sich wieder aufzulösen

Was nützt die Innenschau?

 

Ist alles Aufscheinende erst einmal frei

Sind die Dinge selbst Erwachen.

Um den Herz-Geist zu reinigen

Muss man ihn erst noch finden.

 

Keine Erwachen durch Zeit und Raum hindurch.

Das ist die wirkliche Tiefe.

Das Wissen ist Nichtwissen

Und das Nichtwissen erfasst das Wesentliche.

 

Den Herz-Geist zu benutzen, um den Herz-Geist zu beruhigen

Ist die grösste aller Verfehlungen.

Aus dem Vergessen von Geburt und Tod

Steigt die ursprüngliche Natur empor.

 

127 Das höchste Prinzip kann nicht erklärt werden.

Es ist weder gebunden noch befreit.

Erschauernd und eingestimmt auf die Welt

Liegt seine Gegenwart direkt vor den Augen.

 

Habt ihr kein Objekt vor Euch

In diesem Nichts, die Ganzheit der Welten!

Erforscht sie nicht mit Hilfe der Weisheit,

denn ihre Substanz selbst ist dunkel und leer.

 

Gedanken steigen auf und verschwinden,

Der vorangehende dem nachfolgenden identisch.

Ohne das Aufsteigen des Nachfolgenden,

Zerrinnt der vorangehende Gedanke.

 

Gegenwart, Vergangenheit, Zukunft - nichts ist da.

Kein Herz-Geist, kein Buddha.

Die befreiten Menschen zeigen sich

Mit offenem Herz-Geist aus dieser Freiheit heraus.

 

Nun unterscheiden sie Profanes und Geheiligtes.

Ihre Verwirrung blüht.

Sie verirren sich durch Haarspalterei.

Suchst Du die Wahrheit, verlässt du den Weg.

 

Die Heilung besteht in der Verwerfung von Profanem und Geheiligtem Alsdann die reine, funkelnde Klarheit.

weder Geschicktheit noch Arbeit sind vonnöten.

Handle wie ein Kind.

 

In dieser Lebhaftigkeit

Stilles Wissen

Ruhe, von Ansichten befreit

In der Dunkelheit Deiner Bleibe.

 

Lebhaft, ohne umherzuirren,

ist der Geist still und friedlich,

Alle Erscheinungen wirklich und ewig,

Einer Überfülle, die keinen Unterschied macht, entsprungen.

 

Gehend, kommend, sitzend, stehend,

Ohne Bindung,

Keine Richtung weisend

Kann es da noch Geburt und Tod geben?

 

Da sind weder Einheit noch Zerstreuung,

Weder Langsamkeit noch Schnelligkeit.

Ruhe und Licht sind, was sie sind

Und können nicht erklärt werden.

 

Der Herz-Geist ist authentisch.

Unnötig, dem Begehren ein Ende zu setzen.

Die räumliche Natur

Lässt den Herz-Geist gehen, wohin er will.

Weder klar, noch bedeckt,

weder tiefgehend noch oberflächlich.

Fällt er von Anfang aus der Zeit

Und hat keine Zukunft.

 

So, nicht unterworfen,

Ist er ursprünglicher Herz-Geist,

Der ursprünglich nicht ist.

Denn Ursprung ist der jetzige Augenblick.

 

Die Erleuchtung hat immer existiert,

Nicht nötig, sie zu schützen.

Die Qualen haben niemals existiert,

Nicht nötig, sie zu beenden.

 

Die Intuition erhellt sich durch sich selbst.

Alle Wahrheiten sind nur das.

Es gibt weder Zurückgeben noch Geschenk.

Höre auf zu kontemplieren, vergiss die Beherrschung.

 

Fortdauer, Glückseligkeit, Reinheit und Ego kommen nicht plötzlich zum Vorschein.

Der essentielle Körper, der Körper der Glückseligkeit, der Körper der Verwandlung

sind schon immer da gewesen.

Die sechs Sinnesorgane berühren ihre Königreiche.

Die Unterscheidung ist nicht das Wissen.

 

Im eins-gerichteten Herz-Geist kein Irrweg.

Die Myriaden von Bedingtheiten kommen in ¨Übereinklang.

Herz-Geist und die ursprüngliche Natur verschmelzen

Vereint, aber voneinander unabhängig.

 

Ohne irgendwas zu bewerkstelligen, auf die Erscheinungen eingestimmt

Geniesse überall die Ruhe.

Das Erwachen kommt im Fehlen des Erwachens.

Also erwache dem Nicht-Erwachen!

Was Gewinn oder Verlust angeht,

Warum willst du sie beurteilen?

Alles was lebt

War immer gegenwärtig.

 

Wisse, dass Herz-Geist die Abwesenheit von Herz-Geist ist.

Ist die Krankheit vorbei, keine Medizin mehr

130 Wenn du verwirrt bist, befreie Dich.

Erwacht ist alles wie vorher.

 

Von Anbeginn an ist nichts zu erreichen.

Wozu sich von der Welt lösen?

Wenn einer vorgibt, Dämonen zu sehen,

Kann man ihm unablässig von der Leere erzählen, er sieht sie doch!

Zerstöre nicht die Emotionen der Menschen.

Lehre sie einfach, die Absicht aufzulösen.

 

Sobald die Absicht verschwindet, ist der Geist aufgehoben.

Sind Herz-Geist aufgehoben ist, heisst alles: nicht handeln.

Was nützt es, den Raum zu behaupten?

Die Klarheit herrscht ganz natürlich.

 

Hat er Tod und Geburt vollständig ausgelöscht

Setzt der tiefe Geist im Urprinzip sich fest.

Im Öffnen der Augen und Sehen der Formen

Ist der Herz-Geist auf die Welt eingestimmt.

 

Im Inneren des Herz-Geist, keine Welten.

Im Inneren der Welten kein Herz-Geist.

Aber wenn du den Geist benutzt, um die Welt auszulöschen

Sind beide beeinträchtigt.

 

Der friedliche Herz-Geist und die Welt als solche.

Nichts zu erfassen, nichts aufzugeben.

Die Welt zerfällt in Herz-Geist

Herz-Geist löst sich in der Welt auf.

 

Wenn weder der noch der andere erscheint,

sind Ruhe und Klarheit grenzenlos.

Das Erwachen spiegelt sich wider

Auf den ewigen Wassern des Geistes.

 

Natürlich, einfach von Herz und Geist

Ohne sich in der Nähe oder Ferne festzusetzen,

Gleichgültig für Gunst oder Ungnade,

Suchst du dir deine Bleibe nicht aus.

 

Alle Bindungen hören plötzlich auf.

Vergessen stellt sich ein.

Der ewige Tag geht in die Nacht über.

Die ewige Nacht verschmilzt mit der Helligkeit.

 

Äusserlich jenseits der Norm

Innerlich weit und wahrhaftig

Die, die nicht von der Welt beunruhigt sind,

Gross sind sie und beständig.

 

Ohne jeden Blick, sogar ohne den Blick auf das Geborensein

Gegenwärtig und ohne Vorstellungen

Alles erfüllend

Von jeher die Ganzheit durchdringend.

 

Denken führt zum Mangel an Klarheit

Es ertränkt den Körper und verwirrt ihn.

Den Herz-Geist zu benutzen um die Aktivität anzuhalten

Macht sie noch launenhafter.

 

Die zehntausend Wahrheiten sind überall,

Doch gibt es nur einen Zugang.

Er geht weder ein noch aus,

Jenseits von Ruhe und Erregung.

 

Der Scharfsinn der Zuhörer und Erwachten allein

Kann es nicht erklären.

Tatsächlich ist kein einziges Objekt zu erfassen.

Es existiert allein die wunderbare Weisheit.

 

Dein ursprüngliches Gesicht ist grenzenlos.

Der Geist kann es nicht erfassen.

Der authentische Erwachte kennt kein Erwachen.

Das Leere ist nicht leer.

 

Alle Buddhas der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft

Reiten auf diesem Grundprinzip herum.

Die Spitze eines Haares

Erhält die Gesamtheit der Welten.

 

Hänge dich an nichts

Lasse den Herz-Geist frei.

Binde ihn nirgendwo fest

Und die räumliche Klarheit kommt spontan hervor.

 

Friedlich, ohne Dualität zu schaffen

Befreit in der grenzenlosen Raum-Zeit,

Hinterlässt Deine Handlung keine Spur.

Gehen oder Kommen macht überhaupt keinen Unterschied.

 

Die Sonne des Wissens ist friedlich,

Das Licht des Samadhi leuchtend.

Es erhellt diesen formlosen Garten,

Scheint über die Stadt des Nirwana.

 

In dem Einen, keine Beziehung mehr zum Objekt.

Der Herz-Geist ist im Wesentlichen aufgehoben und in ihm verankert.

Ohne dich von deinem Sitz zu erheben

Ruhst du friedlich in einem leeren Saal.

 

Sich am Tao zu erfreuen ist beruhigend.

Frei entspannt im Schoss der Wirklichkeit umherzuschweifen,

Ohne zu handeln und was auch immer zu erwarten,

ohne von etwas abzuhängen, zeigst du dich natürlich.

 

Unbegrenzt sind Benehmen und Geisteszustände

alle auf demselben Weg,

wenn du sie nicht durch den Herz-Geist entzwei spaltest,

Bleibt alles in der Nicht-Unterscheidung.

 

Wissend, dass geboren und nicht geboren eines sind,

Erscheint die Ewigkeit.

Der Weise erreicht das Höchste

Ohne die Hilfe des Wortes.

 

The Poetry of Enlightment

Poems by Ancient Chan Masters

Chan Master Sheng-yen, Dharma Drum Publications.

Elmhurst, 1987, S. 35

Übersetzt vom Autor