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Daniel Odier




Die Befreiung durch die reine Schau der Natur des Geistes



Von Padmasambhava (8. Jahrhundert)

übersetzt aus dem Französischen von Rosina Meissner

Dieser eine Geist, der jegliches Leben und jegliche Befreiung durchdringt,
wird nicht erkannt, obwohl er unsere fundamentale Natur ist.
Sein Fliessen ist beständig, aber wir ignorieren es.
Seine leuchtende und makellose Intelligenz wird nicht wahrgenommen,
obwohl sie in allen Dingen zu Tage tritt.
Die Helden haben das Unbegreifliche proklamiert
und die geheimsten Lehren in ihrer Gesamtheit
sprechen nur von seiner höchsten Verwirklichung.
Obwohl es so viele Schriften gibt wie der Himmel weit ist,
lehren sie doch nichts anderes als diesen Geist des Identisch-Seins.
Diese direkte Einführung ist den Helden vorbehalten.
Sie allein lässt euch unmittelbar das Absolute durchdringen.
Sieg !
Hört mir zu, meine begünstigten Kinder !
Das Wort "Geist", ist so bekannt und gleichzeitig so unbekannt.
Die Menschen wissen nichts darüber !
Ihrem Verständnis fehlt das Wesentliche !
Diese Realität entgeht ihnen !
Umnachtet von Individualität, gehen sie an der Natur des Geistes vorbei
und gleichzeitig an ihrer eigenen Natur.
Sie irren umher in der Ungewissheit der drei Reiche
und verfehlen das Wesentliche !
Asketen und Meister verkünden lauthals ihr Verständnis,
aber sie ignorieren diesen Schatz !
Gelähmt durch die Schriften und durch ihr eigenes Wissen,
berühren sie nicht die räumliche Transparenz des Geistes !
Fasziniert von Subjekt und Objekt,
gehen Gemässigte und Extremisten vorbei an diesem Schatz.
Durch das tantrische Ritual entfernen sie sich von ihm,
durch die Praktik verschließen sie ihre Augen.
Selbst jene, die sich auf Mahamudra und auf Dzogchen berufen,
sind begrenzt von ihrer eigenen Intelligenz;
sie irren umher in der Dualität und im Nicht-Dualismus !
Indem sie nicht weitergehen, wissen sie nichts von authentischem Erwachen !
Leben und Befreiung sind dein eigener Geist.
Sei nicht der Gefangene einer Auffassung, die sich in einem Zyklus ohne Ende
in den eigenen Schwanz beißt.
Lasse Wahl und Fixierung hinter dir !

Verlasse also all dieses, lasse dich nieder in deinem königlichen Nicht-Handeln,
und verwirkliche durch diese Unterweisung sofort
deine grosse natürliche Befreiung.
Durch die Erkenntnis deiner bis aufs Mark entblößten Intelligenz,
verwirkliche diese angeborene Vollkommenheit des Geistes.

Durch diese leuchtende, absolute Bewußtwerdung
existiert der Geist und existiert auch nicht - beides auf einmal !
Er ist die Quelle der Lust, des Leidens und der Freiheit.

In den Unterweisungen nennt man ihn: "Realität des Geistes".
Das "Selbst" oder das "Nicht-Selbst",
den "Angeborenen Geist",
die "Absolute Natur",
das "Große Siegel",
die "Natürliche Befreiung",
die "Perle aus Licht".

Diese Verwirklichung hat drei Tore:
Die Abwesenheit von Spuren aus der Vergangenheit, die Klarheit und den Raum.
Die frühere oder die gegenwärtige Verwirklichung
ist ohne Wurzeln, frisch, plötzlich eintretend;
sie besteht darin, daß man so bleibt, wie man ist, ohne Anstrengung.
Die Zeit in ihrer unmittelbaren Einfachheit zu begreifen,
sich in jedem Augenblick in seiner absoluten Nacktheit zu sehen,
das macht deine Sicht klar, transparent und objektlos !
Das ist die blitzschnelle, unverhüllte Intelligenz !

Das ist die Räumlichkeit, die nichts festhält,
die funkelnde Leere jenseits der Formen,
fließend und befreit von Dauer,
unbegrenzt, vibrierend und klar !
Ohne Einheit, ohne Vielheit,
mit nur einem Geschmack:
Sie kommt von nirgend her,
klar und ihrer selbst bewusst,
ist sie die Wirklichkeit selber !

Dieses direkte Eingehen in die Realität,
enthält die Gesamtheit der Welten.
Der Wahrheitskörper, der Glückseligkeitskörper,
der absolute Körper sind übervoll von ihr.
Funkelnd ist sie, diese natürliche Energie der Freiheit !

Und hier die Einführung in diese mächtige Methode,
Verkünderin der Wirklichkeit selbst:
In diesem Augenblick ist dein Bewußtsein diese Totalität,
es ist diese natürliche Klarheit frei von jeglichem Zwang !

Kannst du sagen: "Ich verstehe die Natur des Geistes nicht ",
obwohl es nichts gibt, worüber du meditieren kannst
in dieser makellosen Klarheit deiner Intelligenz ?
Kannst du sagen:"Ich sehe die Gegenwart des Geistes nicht"
obwohl der, welcher denkt, diese Realität ist ?
Kannst du sagen:"Selbst wenn man sie sucht, bleibt sie mysteriös",
obwohl es absolut nichts zu tun gibt ?
Kannst du vorgeben, daß sie dir trotz der Praktiken entgeht,
obwohl es genügt, ohne Anstrengung zu bleiben ?
Kannst du sagen, daß es dir schwer fällt zu handeln,
obwohl es natürlich ist, in Nicht-Aktivität zu verweilen ?
Kannst du sagen, du seiest unfähig,
obwohl die Klarheit, das Bewußtsein und der Raum deine eigene Realität sind ?
Kannst du vorgeben, daß die Praktik keine Früchte trägt,
obwohl sie natürlich, spontan, frei von allen Bindungen ist ?
Kannst du sagen: "Ich suche und finde nicht",
obwohl das Denken und die natürliche Befreiung gleichzeitig geschehen ?
Warum sollte man meinen, die Heilmittel seien unwirksam,
obwohl deine eigene Intelligenz einfach "dieses" ist ?
Wie kannst du vorgeben, das nicht zu wissen ?

Sei versichert, daß die Natur des Geistes Leere ohne Stütze ist.
Dein Geist ist ebenso ohne Substanz wie der leere Raum.
Mag es dir gefallen oder nicht, betrachte deinen eigenen Geist !
Ohne dich an die Konzepte einer nihilistischen Leere zu halten,
kannst du versichert sein, daß die Weisheit von jeher klar,
leuchtend und spontan war, in sich selbst ruhend,
Sonnennatur durch sich selber.
Mag es dir gefallen oder nicht, betrachte deinen eigenen Geist !
Sei versichert, daß deine Intelligenz makellose Weisheit ist,
fließend wie das kontinuierliche Strömen eines Baches !
Mag es dir gefallen oder nicht, betrachte deinen eigenen Geist !
Wisse, daß du ihn nicht durch Vernunft finden kannst,
denn seine Bewegung ist ebenso ohne Substanz wie die Passatwinde.
Mag es dir gefallen oder nicht, betrachte deinen eigenen Geist !
Sei versichert, daß alles Erscheinende
nichts anderes ist, als deine eigene natürliche Wahrnehmung,
reflektiert wie von einem Spiegel.
Mag es dir gefallen oder nicht, betrachte deinen eigenen Geist !
Sei versichert, daß jede Erscheinung sich sofort selbst befreit,
aus sich selber kommend, sich selber erschaffend,
gleich einer Wolke am Himmel.
Mag es dir gefallen oder nicht, betrachte deinen eigenen Geist !

Leere Vision, natürliche Befreiung, funkelnder Raum
des Wahrheitskörpers !
Realisiere das Absolute auf dem Nicht-Weg,
die Gottheit enthüllt sich in diesem Augenblick !

So möge die intuitive Schau deiner mit Raum bekleideten Intelligenz,
diese natürliche Befreiung durch die reine Schau,
diese außerordentlich tiefe Verwirklichung,
zum Ort des Ergründens werden, zu welchem alle deine Fähigkeiten hinstreben !

Ehre sei dieser geheimnisvollen Tiefe !